Gestern in Duhnen, ein Drama in mehreren Akten

( K )ein normaler Tag am Strand

Gestern am Strand. Ich sitze stundenlang in der Sonne. Sehe den Schiffen zu, die aus der Elbmündung kommen. Freue mich über den schönen Sommertag. Etwa 30 Meter entfernt von mir spielt eine Gruppe Jugendlicher Fußball. Wahrscheinlich sind sie zwischen 17 und 19 Jahren alt. Ihre Rucksäcke liegen bei einer Frau, die etwa in meinem Alter ist, auf einer großen Decke. Sie haben Essen und Getränke dabei und eine Mülltüte, so wie ich. ( Warum gibt es an einem kurabgabepflichtigen Strand keine Mülltonnen? ) Die Zeit vergeht, Leute kommen und gehen. Die Jungs kicken vor sich hin, hören ab und an mal ein oder zwei Lieder über ihren Bluetooth Lautsprecher. Gewöhnliche Radiomusik, ich beneide sie im Grunde um ihre Idee und setzte den Lautsprecher auf meine gedankliche Liste für den nächsten Ausflug.

Irgendwann höre ich Geschrei, sehe hinüber. Ein Mann um die sechzig steht bei der Gruppe und motzt sie an: „Ihr könnt euch wohl nicht benehmen. So ein Lärm den ganzen Tag. Verschwindet von hier!“ Ich wundere mich, ich habe keinen besonderen Lärm wahrgenommen. Nur spielende Kinder. Zugegebenermaßen große Kinder, aber Kinder. Der Mann redet sich in Fahrt: „Was wollt ihr eigentlich hier? Haut ab, geht hin wo ihr hergekommen seid“ Ach, daher weht der Wind, nicht der „Kinderlärm“ ist hier sein Problem. Offensichtlich stört er sich an Haar- und Hautfarbe von einigen. Ich stehe auf, will hingehen. Ihm erklären, dass er sich irrt, wenn er denkt, dass ER sich so benehmen kann, wie er es gerade versucht. Zwischen den Strandkörben taucht ein weiterer älterer Herr auf. Nähert sich schneller als ich. Ich frage mich, ob er der Gruppe beistehen wird.

Die Frau auf der Decke fühlt sich mittlerweile sichtlich unwohl. Versichert, dass sie keine Musik mehr anmachen werden.  Der Zweite beginnt ebenfalls zu pöbeln: „Genau, ihr habt hier nichts zu suchen. Haut doch ab. So ein schlimmes Benehmen!!“ Ich kann es nicht glauben. Es ist Sommer, die Sonne scheint. Ein Gruppe Jugendlicher spielt Fußball an einem öffentlichen Strand. Was sollen die Jungs denn sonst tun? Vor einem Supermarkt rumlungern? Bei dem schönen Wetter am PC zocken?

Ich will weiter gehen, werde aber von jemandem abgelenkt, mit dem ich dort bin. Ich antworte ihm nur knapp, dass ich mal sehen will, was es dort für ein Problem gibt und ob ich helfen kann. Der erste tippt mittlerweile einem der Jungs vor die Brust und besteht darauf, zu erfahren wo er denn nun herkomme. Der Junge antwortet er sei in Deutschland geboren. Einige der Jugendlichen scharren verlegen mit ihren Füßen im Sand. Ich höre weitere Satzfetzen. „…verschwinden…“, „…kein Benehmen…“, „…furchtbarer Lärm…“

Ich habe die Szene fast erreicht, da steht ein Familienvater aus seinem Strandkorb auf, redet auf die beiden ersten ein. Er deutet ein Stück weiter, wo viel Platz ist. Die Situation löst sich auf, bevor ich etwas tun konnte. Bevor ich den Männern sagen konnte, das alle anderen Strandbesucher dieses Nachmittages sich offensichtlich nicht gestört fühlen. Dass hier jeder Fußball spielen darf. Dass die Gruppen niemanden was getan hat. Dass sie ihrem Ball immer unter Kontrolle gehalten haben, niemanden damit getroffen haben.

Denn viele Leute sitzen um den improvisierten Fußballplatz drumherum. Paare, Familien, unterschiedliche Gruppen von Menschen. Einer der Männer setzt sich wieder zu seiner Begleiterin, dorthin wo er die ganze Zeit schon war. Der andere nimmt seine Sachen und die Frau, mit der er hier ist, und setzt sich ein Stück weg.

Ich frage mich, was passiert wäre, wenn ich mit der Gruppe, die mich begleitet, Fußball gespielt hätte?! Unser Ball lag die ganze Zeit neben mir, nur zufällig haben wir heute mal nicht gespielt. Mehr Schiffe passieren die Elbmündung. Die Sonne scheint noch immer. Die Ebbe zieht das Wasser zurück und gibt den Schlickboden frei. Die Jungs setzen sich auf die Decken und essen Wassermelone, sammeln die Schalen in ihrem Müllbeutel. Alles ganz normal?! Ich ärgere mich über mich, dass ich so langsam reagiert habe. Nicht im allerersten Moment eingeschritten bin. Frage mich, ob das immer so schnell geht, dass sich unbegründeter Hass ausbreitet, Leute anfangen zu pöbeln. Überlege außerdem, ob ich mich in Gefahr gebracht hätte, wenn ich schneller gewesen wäre und meine Meinung gesagt hätte. Eine meiner Begleiterinnen fragt mich, ob ich mir so die Wähler von rechten Parteien vorstelle. Ja, genauso stelle ich sie mir vor.

Warum nur fühlte sich die Situation so zeitverzerrt an? Wie ein Film, der zu langsam läuft. Es war aber kein Film, es war das echte Leben, gestern Nachmittag in Duhnen. Hast du so etwas auch schon mal erlebt? Was hast du getan? Was hättest du gestern an meiner Stelle getan?

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3 Gedanken zu „Gestern in Duhnen, ein Drama in mehreren Akten

  1. Herrje. Ja, schlimm. Habe ich es richtig verstanden, dass sich dann die beiden „Pöbler“ einen neuen Platz gesucht hatten und die Gruppe bleiben konnte? Ach, es ist alles ein Elend. Da sitzt man, eben noch in Ruhe und „gechillt“, und plötzlich mir nichts dir nichts mitten drin im Schlamassel.

    Ich hoffe, du konntest deine Gedanken nach dem Schreiben des Beitrags dann doch noch auf wieder etwas Erfreuliches lenken.

    Viele Grüße

    Anni

    1. Ja Anni, das musste mal raus… Und genau so war es: die Schimpfer haben sich verzogen/nichts mehr gesagt und die Jugendlichen sind glücklicherweise geblieben!

  2. Ich sehe hier ein großes Problem. Es wird immer mehr „gesellschaftsfähig“ sich so unmöglich zu benehmen und rum zu stänkern. Fast wünscht man sich die würden mal an die Falschen, sprich Richtigen geraten.
    Ich muss gestehen, es gibt Situationen, da bin ich wie ein Panter auf dem Sprung.
    Hier im Urlaub sind viele Jugendgruppen unterwegs und wenn die uns so „supercool“ entgegenkommen und uns mustern, dann sind meine Ohren hochsensibel und ich warte nur darauf, dass mal einer „Mongo“ fallen lässt. Ich glaube ich würde mich sofort auf den Typen werfen, doch es ist zum Glück noch nie in meiner Hörweite passiert. Grenzen verschieben sich, das ist schlimm
    So sind Mütter….

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